> Roman Kuhn - Fotografie in Bewegung
Teil 2 -
Filmer und Fotograf in Personalunion
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Roman KuhnFotografie in Bewegung

Film und Fotografie, Halbgeschwister des Lichts – für gewöhnlich sprechen sie nicht einmal miteinander. Der Regisseur und Fotograf Roman Kuhn aber lässt sie Paso doble tanzen. Jüngstes Bravourstück des Jongleurs zwischen Bewegtbild und Still: Moving Photography – Kurzfilme, »gedreht« mit einer Canon EOS.

Roman Kuhn »filmt« mit einer EOS-1D Mark II N. Die dabei entstehenden Sequenzen faszinieren durch ihre besondere Ästhetik.

Am Anfang dieser Geschichte steht eine These: Wer geistige Güter schaffen will, braucht Widerstände. Gegensätze. Ein dialektisches Prinzip, das hinreichend Reibungswärme erzeugt, um den kreativen Prozess zu befeuern. In Roman Kuhn arbeiten viele Gegensätze – konzeptionelle, handwerkliche, künstlerische. Das ist eine Erklärung für seinen Erfolg. Die andere ist »Fabel«-hafter: Manchmal, wenn viel Talent auf noch mehr Ausdauer trifft und im richtigen Moment das Glück den eigenen Weg kreuzt, dann kommt es vor, dass Märchen wahr werden.

Verdichtete Sehnsüchte Roman Kuhns Märchen geht so: Es war einmal eine Modemarke, die hieß C&A und wurde mit Glöckchen-jeans und einem kunterbunten Comic-Hund recht knuffig und erfolgreich beworben. Doch als die Jahre ins Land gingen, verloren Glöckchen und Schnüffelhund ihre Strahlkraft, und eines Tages war die Modemarke für die Jungen und Holden im Textilkönigreich in etwa so sexy wie Dinkelbratlinge für Hunde. Es begab sich aber zu jener Zeit, dass der führende 3-D-Spezialist Deutschlands mit Namen Roman Kuhn einen Artikel im Werbefachmagazin W&V veröffentlichte. Der Creative Director der C&A-Dynastie las das Essay, war begeistert, rief den jungen Ritter des Virtuellen zu sich, und alsbald zogen beide gemeinsam zu Felde: mit Kurzfilmen, die das Lebensgefühl und die Sehnsüchte einer neuen Generation in unzähligen Bildern auf 60 Sekunden verdichten. Das Werbemärchen sollte fast ein Jahrzehnt dauern, von 1990 bis 1999 – nach Maßstäben der Branche ist das eine Ewigkeit.


Manuel Cortez| Schauspieler
Seiner Zeit voraus Roman Kuhn, dem es an kreativen Einfällen nie zu mangeln scheint, hat seither eine Vielzahl Projekte angeschoben, tausendundeine neue Geschichte erzählt. Und doch wird er immer wieder mit den Clips des Textilriesen in Verbindung gebracht. Stören tut ihn das nicht wirklich. Auch wenn sein Stil zigmal kopiert wurde und der Werbemarkt inzwischen die tollsten Kapriolen geschlagen hat: Die bildsprachliche Spannkraft der nahezu produktfreien Werbeclips bleibt auch eineinhalb Jahrzehnte nach ihrer Erstausstrahlung im deutschen TV und Kino ungebrochen. Fantastische Ritte zwischen Traum und wirklicher Welt sind da zu sehen. Widersprüchliche Bilder, die in ihren opulenten, geradezu romantischen Farben wie gemalt wirken und nicht einmal Angst vor Pathos haben. Zugleich aber sind sie in einer atemberaubenden Geschwindigkeit geschnitten: 150 Takes pro Minute – der visuelle Vorspann zum aufbrausenden Techno-Zeitalter. Doch statt den hochfrequenten Bilderpuls mit Club-Sounds zu unterlegen, entscheiden sich die Macher für eindringliche handgemachte Musik – und katapultieren bis dato wenig bekannte Musiker wie die Bananafishbones oder Marla Glen in die Charts. /// Als wir das erste Mal mit Roman Kuhn sprechen, ist Berlinale. Hauptkampfzeit für einen, der neben Werbeclips und TV-Filmen auch Kinofilme produziert. Doch Kuhn, der gerade von einem Treffen mit dem deutschstämmigen Hollywood-Regisseur Robert Schwentke kommt, mit dem er den Kino-Thriller »Tattoo« produziert hat, wirkt entspannt. »Die Berlinale ist vor allem eine große Party, und das ist auch gut so, denn hier trifft man die Leute, die man mangels Zeit sonst nicht zu Gesicht bekommt. Wer arbeiten will, muss sich konkret verabreden«, sagt Kuhn, der gerade sein nächstes großes Ding vorbereitet: eine neue filmbasierte Werbeform, die ihre Adressaten via Web zielgruppengenau anspricht und den Filmemachern zugleich so viel kreativen Freiraum bietet wie nie zuvor. »Advertiser driven Entertainment« nennt Kuhn das Prinzip: Die Werbetreibenden werden über neue, direkt in den Film eingewobene Weblinks ins Boot geholt – und lassen dafür den Regisseuren und Drehbuchautoren zu 100 Prozent freie Hand bei Inhalt und Konzeption. Kreative Freiheit, von der alle profitieren.

Mix aus Technik und Kreativität Die meisten Menschen sind entweder technisch begabt oder kreativ. Roman Kuhn ist beides – und damit den entscheidenden Schritt voraus. Denn wer die jeweils neuesten technischen Werkzeuge virtuos beherrscht, wer technische Innovationen spielerisch-experimentell zu nutzen versteht, der ist in der Lage, das Unerhörte und Ungesehene weitaus leichtfüßiger zu entwickeln. Ein ebenso potenter Kraftstoff für kreative Höhenflüge ist das grenzüberschreitende Arbeiten: Schöpferische Produktivität gedeiht bestens im Niemandsland zwischen der einen und der anderen Disziplin. /// Der gebürtige Schwabe startet Anfang der 80er als Grafiker und Art Director in verschiedenen Werbeagenturen, geht wenig später in Stuttgart mit der, wie er es formuliert, »ersten 3-D-Bude Deutschlands« an den Start, ist kurzzeitig Geschäftsführer der Arri TV Produktionsservice GmbH und Dozent für synthetische Filmgestaltung an der Folkwangschule Essen, ehe er in die USA geht, um seine Fähigkeiten in Sachen computergenerierte Bilder und Animationen zu vertiefen.


Die Kollektion des Modelabels Sai-So fasste Roman Kuhn mit einer mystisch-romantischen Foto-Stilistik ein.

Johanna| Sai-So




Die Moving Photography, kurz MOPH- Technik, hat Roman Kuhn bereits erfolgreich für Werbespots und Videoclips eingesetzt.
< Louise| DJane

Der Wechsel ins Regie-fach kommt nicht wirklich überraschend – wenngleich der Zeitpunkt aus einer professionellen Not erwächst. »Es gab in diesem Moment einfach niemanden, der das, was wir bei Arri mit innovativen computeranimierten Verfahren machen wollten, regietechnisch hätte umsetzen können«, erinnert sich Kuhn. »Also hab ich’s einfach selber in die Hand genommen.« Startschuss zu einer Karriere, die wenngleich nicht geplant, dann doch im Rückblick geradezu zwangsläufig erscheint. Mit Ausstrahlung der ersten Filme für C&A wird der Name Kuhn schlagartig zu einer Größe innerhalb der Branche. Der Regieneuling etabliert sich schnell als Werbefilmer mit Produktionen für Kunden aus allen erdenklichen Sparten. Die Gewinne steckt er in freie Projekte – Kurzfilme, später auch abendfüllende Thriller für das Fernsehen. Im Jahr 2001 folgt dann das Kinodebüt als Regisseur mit »Be.Angeled«, einer Coming-of-Age-Geschichte, die den Selbstfindungsprozess seiner Protagonisten vor dem Hintergrund der Berliner Love Parade ansiedelt. Es folgen der Dokumentarfilm »Hildegard Knef – A Woman And A Half« und der Kinothriller »Tattoo«, bei denen Kuhn die Produktion übernimmt.

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