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Teil 2
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Weitwinkelig aufgenommen wird aus der einzelnen RAW-Aufnahme eines Hauses in Potsdam mit HDR ein Spukschloss. Die Struktur des Pflasters und die unheimlichen Wolken verstärken den perspektivischen Eindruck.


Makel, die der Zahn der Zeit hinterlassen hat, treten stärker hervor. Die großflächigen Reflexe auf den Scheiben werden abgeschwächt und geben den Blick in das Innere des Busses frei.

HDR-Fotografie

Hochgradig dynamisch

Wenn sich gleißende Reflexe und abgrundtiefe Schatten ein Stelldichein geben oder megaspitze Lichter zappendustere Tiefen durchbohren sollen, dann schlägt die Stunde der High - Dynamic - Range - Fotografie, einer raffinierten Spielart der Bildbearbeitung für kreative Extratouren.

Die engen Gassen bergen viele stimmungsvolle Motive. Besonders reizt Sie dieser alte Tante-Emma-Laden am Ende der Straße, aus dem angenehm warmes Licht, fast wie von Kerzen, dringt. Sie wählen das Motiv, drücken auf den Auslöser, wechseln die Perspektive. Besonders in seiner Umgebung, in dem kleinen Haus mit seinen schrägen Kaminen, wirkt der Laden. Dazu der stimmungsvolle Himmel: ein Postkartenmotiv! Bei der Betrachtung der Bildausbeute zu Hause stellen Sie fest, dass zwar alles, was Sie gesehen haben, auch auf den Fotos vorhanden ist – bloß der Gesamteindruck in einem Bild, der fehlt. Einmal ist der Himmel zu hell und hat keine Zeichnung, bei einer anderen Variante erscheint die Gasse zu dunkel. Die Inschrift im Fachwerk über dem Tante-Emma-Laden verschwindet im Halbdunkel, und in den Ladenregalen erkennt man die altmodischen Schachteln, Flaschen und Einmachgläser kaum. Motive wie diese sind dankbares Futter für einen gediegenen HDR-Workflow.

Unter dem Kürzel »HDR« hat sich eine neue Technik der Bildbearbeitung etabliert. Eine Digitalkamera mit manuellen Belichtungskontrollmöglichkeiten in Verbindung mit spezieller Software sind die einzigen Voraussetzungen für die Anwendung dieser Technik. Die Abkürzung HDR steht für »High Dynamic Range« und heißt übersetzt schlicht großer Dynamikbereich. Bei dem Verfahren geht es um die Erweiterung der abbildbaren Tonwertskala im Motiv. HDR-Dateien bilden größte Kontrastumfänge ab: Zwischen gleißenden Lichtern und tiefschwarzen Schatten, die man bislang mit herkömmlichen Mitteln weder fotografieren noch auf Bildschirm oder Papier bringen konnte. Während das menschliche Auge rund ein Zehntel der natürlich vorhandenen Lichtkontraste verarbeiten kann, ist ein Bildsensor, egal ob analog oder digital, nur in der Lage, einen kleinen Ausschnitt, etwa ein Tausendstel davon, in einem Bild festzuhalten.

Fotos können aus technischen Gründen nicht immer den Helligkeitseindruck wiedergeben, den wir beim realen Betrachten der Szene empfunden haben. Wir können das Manko stilistisch beheben und Teile eines Bildes in den Lichtern oder Schatten verschwinden lassen, während wir andere Details mithilfe des Lichts detailliert in Szene setzen. So lenken wir den Blick auf das für uns Wesentliche. Wenn ein Motiv jedoch mehr Tonwertbereiche zeigen soll, als der Dynamikumfang von Kamera, Display und Drucker es zulässt, bietet das HDR-Verfahren interessante Möglichkeiten mit überraschenden Bildergebnissen.

Die HDR-Motivwelten
Oft fallen mit der HDR-Technik bearbeitete Bilder durch ihren eindrucksvollen Himmel auf. Wolken enthalten sehr viele feine Details, die durch das Verfahren sichtbarer werden. Der Himmel insgesamt wird dabei dunkler. Strukturen, wie zum Beispiel auf Ziegelmauern, werden deutlicher. Altes sieht noch älter aus. Kleine Makel, die der Zahn der Zeit verursacht hat, treten hervor. Rostige Autowracks oder Baumaschinen sind dankbare Motive, vor allem wenn sie, weitwinkelig aufgenommen, in menschenleeren (Stadt-)Landschaften stehen. Aber auch die Spiegelung im Chrom eines Autos, in Gewässern oder an futuristischen Bauwerken wird deutlicher. Kirchenschiffe mit ihren leuchtend bunten Fenstern und sonst eher düsteren Reihen und Bögen werden mit HDR zu faszinierenden Motiven, die Details aufdecken, die selbst dem Auge entgangen sind. Die Aufnahme eines Raumes mit dem Blick durch ein Fenster nach draußen wird möglich, ohne dass das Außenlicht die Szene überstrahlt oder das Interieur in den Schatten »absäuft«.
Mehrere Belichtungen
Statt eines einzigen Bildes werden bei der HDR-Technik mehrere Bilder vom exakt gleichen Standort, aber mit unterschiedlichen Belichtungszeiteinstellungen aufgenommen. Danach werden die einzelnen Aufnahmen dieser Belichtungsreihe von einem Programm zu einem einzigen Bild vereinigt, dem eigentlichen HDR-Bild. Dieses HDR-Bild enthält nun den gesamten, über die verschiedenen Belichtungen aufgenommenen Helligkeitsumfang. Nur vernünftig darstellbar ist es noch nicht, da selbst der Monitor keinen so hohen Dynamikumfang anzeigen und auch der beste Drucker ihn nicht zu Papier bringen kann.

Reduzierung der Tonwerte
Das HDR-Bild ist also erst das Ausgangsmaterial für den entscheidenden zweiten Schritt, das sogenannte Tone-Mapping. Das vom Programm durchgeführte Tone-Mapping grenzt den hohen Kontrastumfang gezielt wieder ein, komprimiert ihn sozusagen, damit ein Bild herauskommt, das wir auf dem Monitor ansehen oder drucken können. Dabei wird der Bildinhalt berücksichtigt. Grobe Helligkeitsänderungen zwischen benachbarten Punkten im Bild werden abgeschwächt, kleine verstärkt. Das Ergebnis ist ein Bild mit gleichmäßiger Ausleuchtung und einer lokalen Kontrastverbesserung – das ist der eigentliche Clou von HDR.

Die Aufnahmetechnik
Gute Ergebnisse lassen sich schon mit drei Einzelaufnahmen erzielen. Diese werden mit der mittleren Standardbelichtung 0 und dann -2 und +2 Belichtungsstufen bei gleich bleibender Blende (!) aufgenommen. Die meisten Canon EOS-Kameras bieten hier eine Belichtungsreihenautomatik (AEB=Automatic Exposure Bracketing), die dafür genutzt werden kann. Einmal aktiviert, macht die Kamera beim längeren Druck auf den Auslöser drei Fotos unterschiedlicher Belichtung, die bestens als Ausgangsbilder für HDR verwendet werden können. Wenn die Lichtverhältnisse es erfordern, sind mehr als drei Aufnahmen nötig, um den gesamten Helligkeitsbereich abzudecken. Es ist nicht selten, bis zu zehn Aufnahmen zu machen und zu kombinieren. Hierbei wird die Kamera auf einem Stativ befestigt und mit dem Modus-Wahlrad in den Manuellen Belichtungsmodus (M) gebracht. Zuerst wird auf die hellsten Lichter belichtet und dann schrittweise die Belichtungszeit um zwei Belichtungsstufen verlängert, bis auch die dunkelsten Schatten genug Zeichnung haben. Nicht jedes Motiv ist dazu geeignet, als HDR verewigt zu werden. Bei Aufnahmen von Belichtungsreihen muss alles an seinem Platz bleiben. Menschen bewegen sich, genau wie Blätter und Zweige im Wind. Sich ändernde Bildteile sind auf dem endgültigen Bild mehrfach zu sehen. Gut geeignet ist alles, was stehen bleibt, Landschaften, Gebäude, aber auch Wasser, wenn es nur lange genug belichtet wird.

Schwierige Lichtsituationen lassen sich wie in diesem Bild eines Kirchturmaufganges mit der HDR-Technik meistern. Weder die Lampe links noch das durch die Tür scheinende Licht überstrahlen die Szene. Alle Details sind gut durchgezeichnet.
LINKS Das HDR-Bild bildet durch eine kontrollierte Reduktion der Tonwertstufen (Mapping) sowohl Lichter als auch Schattenpartien ab.

RECHTS Diese Belichtung sorgt für Zeichnung der Szenerie draußen.
LINKS Die Belichtung auf die Mitteltöne bildet das Gerüst für die HDR-Komposition.

RECHTS Diese Aufnahme sorgt später für Zeichnung in den Schatten.

HDR-Aufnahmen im RAW-Format
Mit der RAW-Bildaufnahme gemachte Fotos haben von sich aus einen höheren Dynamikumfang als solche, die im JPEG-Format gespeichert werden. So ist es bei moderaten Motivkontrasten auch möglich, nur ein einzelnes RAW-Bild anstelle einer Belichtungsreihe für ein HDR zu verwenden. Diese Methode ist auch die einzige Möglichkeit, Bilder von bewegten Motiven aufzunehmen. Dazu werden mehrere Varianten derselben RAW-Datei mit unterschiedlichen Belichtungskorrekturen auf die Lichter und Schatten entwickelt, die dann als Ausgangsbilder für den HDR-Prozess dienen. Bei allen Methoden ist es wichtig, die niedrigste ISO-Empfindlichkeit der Kamera zu wählen, um das Bildrauschen (die Körnigkeit) möglichst gering zu halten, denn dies würde durch das nachfolgende Tone-Mapping noch verstärkt. Stellen Sie also Ihre Kamera auf 100 ISO ein, um Aufnahmen für ein HDR zu machen. Da bei einer niedrigen ISO-Empfindlichkeit die Belichtungszeiten länger werden, hilft auch hier das Stativ.

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