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11 FreundeTreffsicher

Opulente Bildstrecken, »abseitige« Sujets, der erzählende Blick: 11 Freunde hat den Fußballjournalismus revolutioniert – nicht zuletzt dank seiner hintergründigen Autorenfotografie. Zum EM-Start blickt colorshots hinter die Kulissen von Deutschlands erstem und einzigem »Magazin für Fußballkultur« und fragt: Wie schießt man das bessere Fußballbild?

... Flanke auf Schweinsteiger, der passt auf Schlaudraff, Schlaudraff nimmt den Ball, dribbelt an der Abwehr vorbei – Toniiiiiiiiiiii – TOOOOOOOR! Bewegte Bilder plus atmosphärische Töne: Das Fernsehen kann bei Sportübertragungen aus dem Vollen schöpfen, auch ein begabter Radioreporter kann im Kopf seiner Hörer Bilder erzeugen, die nah dran sind am tatsächlichen Spielfluss. Ein Fotograf hat es da ungleich schwerer. Kein Ton, unbewegte Bilder. Ein kompletter Spielzug lässt sich damit nur selten überzeugend einfrieren. 11 Freunde hat aus dieser Erkenntnis einen eigenen Schluss gezogen und versucht sich erst gar nicht als TV-Ersatz auf Standbild-Krücken. Überhaupt macht das selbst ernannte »Magazin für Fußballkultur« fast alles anders als die Platzhirsche auf dem Feld der Fußballberichterstattung. Und vieles offenbar besser, nimmt man die stetig steigenden Auflagen- und Abonnentenzahlen des Blattes als Maßstab.
Warum das Blatt so erfolgreich ist, lässt sich nicht in einem Satz sagen. Da ist zum einen das außergewöhnliche Themenspektrum, das in dieser Form nirgends sonst stattfindet: Reportagen über das höchstgelegene und damit sauerstoffärmste Stadion der Welt in den bolivianischen Anden etwa, über mittelmäßig bolzende Viertligisten in Brasilien oder den morbiden Charme dahinsiechender Wiener Vorstadtvereine; dazu: die treffsicheren »Günter Hetzer«-Glossen von Chefredakteur Philipp Köster, die inzwischen auch als Buch erschienen sind. Ein Gutteil der steilen Performance geht aber zweifellos auf das Konto des 11-Freunde-Bildredakteurs, früheren Art-Direktors und »Hausfotografen« Reinaldo Coddou, der das Blatt gemeinsam mit Köster vor acht Jahren aus der Taufe gehoben hat. Coddou hat eine Bildsprache ins Heft geholt, die im actionfixierten Fußballjournalismus weitgehend unbekannt war: editorielle, hintergründige Bilder mit einer erzählerischen Kraft, wie man sie sonst nur aus anspruchsvollen Kultur- oder Lifestyle-Magazinen kennt.

Fußballgeschichten in Bildern
Wie in den Texten, so geht es auch in den oft opulenten Bildstrecken nicht um den zweiten Aufguss eines Hypes, der überall sonst auch abgefeiert wird. Sondern um die Dinge jenseits des offiziellen Fußball-Zirkus, um das »Abseitige«, das Drumherum, das Atmosphärische. Statt Starposter und Torjäger-Trophäen »entdeckt« 11 Freunde lieber den versteckten Charme des Amateurfußballs, dokumentiert die letzten nichtkommerziellen Ökosysteme des Ballsports, zeigt die entlegensten Bolzplätze des Planeten oder eine achtseitige Bildreportage über die Stadtteilverwurzlung der Istanbuler Fußballfans. Mit liebevoller Ironie und historischen Bildern von Vokuhila-Frisuren und bunten Trikots lässt 11 Freunde die Zeiten wieder aufleben, als der Ballsport Nummer 1 noch nicht bis in die letzte Haarspitze vermarktet war. Fußball erzählen lautet das Rezept – und das mit einem Sprach- und Bildwitz, der über die unfreiwillige Komik von Spielern (»Madrid oder Mailand: Hauptsache Italien«) und Trainern (»Ich habe fertig«) hinausreicht.
In der aktuellen Berichterstattung versucht »Deutschlands bestes Fan-Magazin« (Der Spiegel) erst gar nicht, mit der Kamera ständig atemlos auf Ballhöhe zu sein, sondern sucht stattdessen einen Standpunkt mit Ausblick – und die Fan-Perspektive. »Unser Blick ist der Blick aus der Kurve«, sagt Köster. Bildredakteur Coddou, der jetzt, da er die Art-Direktion abgegeben hat, wieder Zeit findet, selbst zu fotografieren, will während der EM dann auch nicht vom Spielfeldrand mit extremen Brennweiten shooten, sondern von der Tribüne aus mit einem 100er- oder 200er-Teleobjektiv. »Mit den heutigen Kameras ist es keine große Kunst mehr, scharfe und detaillierte Actionszenen zu schießen. Ich suche meist einen etwas weiter gefassten Bildausschnitt, um den Gesamtzusammenhang einzufangen«, sagt der Fotodesigner, der seit drei Jahren mit dem digitalen Canon EOS-System fotografiert, vorzugsweise mit der Canon EOS 5D. »Der schönste Moment ist für mich nicht der Torschuss selbst, sondern die Augenblicke danach – wenn der Ball im Netz zappelt, die Abwehrspieler sich gegenseitig anschnauzen und die Stürmer sich in den Armen liegen.« Der gebürtige Chilene, der zuletzt eine Porträtserie über treue Stadiongänger im Rentenalter gemacht hat, beschreibt den betont subjektiven Style des Blattes so: »Nie tendenziös, aber doch mit einer Aversion gegen die perfekte Durchkommerzialisierung und mit einer Vorliebe für die Schwächeren.«

So sieht’s aus: Christoph Buckstegen erzählt Fußballgeschichten, wie sie das Leben schreibt.



Eingekesselt: Argentiniens Jungstar Messi während des WM-Spiels gegen die Niederlande (Foto: Coddou)



Quasireligiöses Erlebnis: aus Reinaldo Coddous Bilderzyklus »Fußballtempel«

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