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Teil 2

Manoel NunesDie neuen Menschen

Tausende von Kilometern ist Manoel Nunes gereist, kreuz und quer durch Brasilien, immer sein utopisches Ziel vor Augen: jeden Ort zu besuchen und dort mindestens einen Bewohner zu porträtieren. Herausgekommen ist die einzigartige fotografische Bestandsaufnahme eines Volkes – und eine zeitgenössische Hommage an Porträt-Altmeister August Sander. Bei dem Mammut-Trip an seiner Seite: die EOS-1Ds Mark II.



tres amigos


diana


Tropisches Arkadien
BUUNNNG! Wieder hat einer der auf dem Amazonas treibenden Baumriesen den stählernen Bauch des Schiffs gerammt, der Schlag lässt den Rumpf vibrieren wie eine gigantische Steel-Drum. Kinder schreien, die Erwachsenen starren mit weit aufgerissenen Augen in das Schwarz der Nacht. Der Dampfer stampft voran durch das brodelnde, sturmgepeitschte Wasser, das man nur sieht, wenn jemand mit der Halogenlampe über den Fluss schwenkt, der an dieser Stelle 60 km breit ist. Die Menschen an Bord beten. Manoel Nunes betet nicht, er hat alle Hände voll zu tun, ist damit beschäftigt, sein Foto-Equipment – Großformatkamera, Blitzgenerator, Softbox, Filmmaterial und seine Canon EOS-1Ds Mark II – in wasserdichte Taschen und hermetisch verschließbare Tonnen zu verstauen. »An einem bestimmten Punkt hab ich gedacht, wir kommen da nicht mehr raus, das ist meine letzte Reise – mit etwas Glück überleben vielleicht die Bilder«, sagt Nunes heute. Am Ende hat das Schiff dem tropischen Unwetter standgehalten, Manoel Nunes hat überlebt, ebenso sein Equipment und die Bilder der Menschen, mit denen er fünf Tage auf einem hundertjährigen Dampfer den wasserreichsten Fluss der Erde befahren hat. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Tropensturm, gleiten sie über den Großformatbildschirm in Nunes’ Home-Office in Köln. Manchmal ist die Fotografie ein wilder, uferloser Strom, der den Tod atmet. Manchmal ist sie ein langer ruhiger Fluss.
»Ich wollte die verschütteten Wurzeln meiner Kindheit freilegen. Dieses völlig andere Verständnis der Welt wiederfinden, in der der Mensch noch die Zeit bestimmt, und nicht die Zeit den Menschen.«

Der Weltenwanderer
Nunes ist ein Wanderer zwischen den Welten. Er hat die emotional aufgeladenen Jahre seiner Kindheit und Jugend im wilden Nordosten Brasiliens verbracht, die intellektuell entscheidenden Studienjahre in Deutschland. Er hat durch dieses kulturelle Wechselbad mehr über Sichtweisen und Perspektiven gelernt als die meisten Menschen. Für einen, der die Fotografie als tiefen Ausdruck seiner Persönlichkeit versteht und als therapeutisches Medium nutzt, ist das viel wert. Der Preis: Irgendwann während der letzten eineinhalb Jahrzehnte, in denen er zwischen der Alten und der Neuen Welt pendelte, ist dem heute 43-Jährigen die Heimat abhandengekommen. »Am Anfang des Projekts stand eine "Saudade", dieses typisch brasilianische Gefühl zwischen bitterem Weltschmerz und süßer Sehnsucht«, sagt Nunes. »Ich wollte die verschütteten Wurzeln meiner Kindheit freilegen. Dieses völlig andere Verständnis der Welt wiederfinden, in der der Mensch noch die Zeit bestimmt, und nicht die Zeit den Menschen.«

Mischmasch der Kulturen
»Tropisches Arkadien – Die Neuen Menschen« hat Nunes sein Projekt genannt – in Anlehnung an das Konzept des »Novo Homen«, des neuen, tropischen Menschentyps, den der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre in den 1930er Jahren aus der Vermischung von Europäern mit Farbigen und Indigenen erwachsen sah und den rassistischen Ideologien seiner Zeit gegenüberstellte. Nunes greift die humanistische Idee des Uomo Universale auf und setzt der These des »Clash of cultures« (Zusammenprall der Kulturen) die Idee des »Mash of cultures«, den Flirt der Kulturen und Ethnien, entgegen. »Die Neuen Menschen« ist beides: sozialdokumentarisch und transzendental, ein romantisch-sehnsüchtiger Blick zurück und einer, der sich in die Zukunft richtet. Der Neue Mensch hat kurze Haare oder lange. Er trägt Bikinis, weiße Hosen zu Flipflops, Badeshorts zum nackten Oberkörper. Er hat schokoladen- oder milchkaffeebraune, blütenweiße oder bronzefarbene, glatte oder sonnengegerbte Haut, öfter einen Hautton, der an das Rotbraun einer Kakaobohne erinnert, und zuweilen sogar jenen rötlich-verbrannten Teint, der den Einwanderer aus Mitteleuropa verrät. Er ist groß, klein, dick, dünn, mal mehr, mal weniger muskulös, männlich, weiblich, androgyn. Die Bilder, die Nunes von seinen Landsleuten gemacht hat, sind so heterogen wie das Land selbst. Da ist die wohlsituierte Städterin, die im Gepardenkleid vor Schlingpflanzen posiert; der Mechaniker vor der unverputzten Wand seiner Werkstatt; die junge Farbige in der makellos weißen Bundfaltenhose; die beleibte Tinkturenverkäuferin in ihrem Laden. Da sind indigene Familien vor ihren Holz- oder Bambushäusern, Strandgängerinnen, die ihre pechschwarzen Haare blond färben und ihre dunkelbraunen Augen mit Kontaktlinsen auf Blau trimmen; Amazonas-Anrainer auf dem Schiffsdeck. Da ist die Prostituierte, die gedankenverloren in Nunes’ Objektiv blickt, oder der Markthandlanger, der mit stolz geschwollener nackter Brust vor der Kamera posiert: Seht her, ICH werde fotografiert!


gordinha

»Die Neuen Menschen« ist durch und durch demokratisch; wie Sander rückt auch Nunes die unterschiedlichsten Menschen gleichberechtigt und ohne Wertung ins Bild.

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