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> Kameraballon - Fliegendes Stativ
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Vor der Synchronaufnahme müssen die 48 Kameras exakt ausgerichtet und eingestellt werden.


Mit 48 simultan ausgelösten Canon EOS 20D Digitalkameras realisierte das Kölner Unternehmen Meaning Media einen spektakulären Spezialeffekt für eine Videoproduktion. colorshots war bei den »Dreharbeiten« dabei und stellte fest, dass für zwei Sekunden »gedehnte Zeit« eine Menge mehr Echtzeit vergeht.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Zeit einfrieren und sich in der gefrorenen Szene bewegen. Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Richtig! Als so genannter »Matrix-Effekt« ging diese Technik in die Kinogeschichte ein. Einen ähnlichen Effekt realisierte die Kölner Kreativproduktion
Meaning Media für einen Werbespot der DaimlerChrysler-Marke Smart ForFour. Um die zwei Sekunden lange »Zeitscheibe« einzufrieren, waren ein enormer Aufwand und spezielles Know-how erforderlich. /// Das Meaning Media-Team um Jörg Hauenstein und Bernd Wiesen hat sich auf fotografische »Extratouren« spezialisiert und diese für kommerzielle Anwendungen nutzbar gemacht. Mit Hilfe spezieller digitaler Panoramakameras beispielsweise produzieren die Kölner virtuelle Erlebniswelten, die maßgeschneidert für die Präsentation im Internet oder anderen elektronischen Medien sind. /// Schon die Pioniere der Fotografie haben mit mehreren Kameras experimentiert und dabei Fotos gemacht, die heute fotografisches Kulturgut sind. Eadweard Muybridge stellte 1878 den Galopp des Pferdes auf diese Weise erstmals anschaulich dar. Mit damals zwölf Kameras, die nacheinander (!) auslösten. Das ist der wesent–liche Unterschied zur Vorgehensweise beim »Matrix-Effekt«. Denn hierbei wird eine Szene gleichzeitig aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert. Beim Smart-Shooting waren 48 Canon EOS 20D Digital-SLRs im Einsatz. Zwei Kameras lagen als »Back-up« in Reserve.
Dynamik und Fahrspaß /// Dynamik und Fahrspaß zu zeigen, das waren die Vorgaben für den Werbespot, der die Präsentation des neuen Smart ForFour- Modells zur Frankfurter Automobilmesse IAA 2005 unterstützen sollte. Der Smart ForFour sollte als actiontaugliches Alltagsmobil für eine junge Zielgruppe inszeniert werden. /// Die »Zeitscheibe« fungiert dabei als visuelles Überraschungsmoment in dem Spot. Die Bildidee für die Aufnahme: der ForFour fährt mit hoher Geschwindigkeit auf die Kamera zu und wirbelt dabei, wie auf einem Testkurs, Pylonen durch die Luft und lässt Wasser aufspritzen. Action pur also, deren Höhepunkt dank der besonderen Aufnahmetechnik vom Zuschauer »umrundet« werden kann.
Alles mal 48 /// Was in der Theorie simpel klingt, erweist sich in der praktischen Umsetzung als mittleres aufwändiges Projekt, das in mehreren Etappen abgewickelt wird. /// Bereits im Vorfeld des eigentlichen Shootings fällt ein wesentlicher Teil der Arbeit an: Wie kann man 48 Digitalkameras exakt synchronisieren, damit sie im selben Moment auslösen? Die Lösung: 48 original Canon-Kabelauslöser werden miteinander verbunden. Aber erst eine zusätzliche spezielle Relais-Schaltung für jede einzelne Kamera ermöglicht die absolut synchrone Auslösung. Der Rest ist Experimentieren – und Betriebsgeheimnis. /// Klar: Zu den Kameras sind 48 gleiche Objektive erforderlich, in diesem Fall das verbreitete Canon EF-S 18–55 mm.

Die 48 Einzelbilder der Timeslice-Reihe wurden jeweils einer aufwändigen Einzelbehandlung unterzogen. Dabei wurde der kontrastreiche »Look« des Bildes zunächst an einem einzelnen Bild erarbeitet und mit dem Kunden abgestimmt und anschließend auf die komplette Sequenz angewandt.

Eine feuchte Scheibe Regenzeit /// Als Kulisse für das Shooting diente der Sportflugplatz Hangelar, zwischen Köln und Siegburg gelegen. Hangars und Flugzeuge sollten einen dynamisch-malerischen Hintergrund für das Smart-Movie bilden. Schon bei der Auswahl der Location und beim Aufbau der Szene war zu beachten, dass das Objekt in der Sequenz aus verschiedenen Blickwinkeln sichtbar wird. /// Die Flugplatz-Location hatte einen Nachteil: Sie befindet sich im Freien. Das Auto sollte zwar durch eine Pfütze fahren, aber bitte schön doch nicht durch eine echte!
Action pur:
Der Smart ForFour ist bei seinem wilden Ritt über den Flugplatz aus 48 Perspektiven zu sehen.




Mit einem speziellen Kabel werden die EOS 20D Kameras miteinander verbunden.


Um die minimalen Abweichungen, die beim Ausrichten der Kameras und bei der Einstellung der Brennweite nicht zu vermeiden sind, auszugleichen, werden die Bilder in einem enorm zeitaufwändigen Prozess miteinander synchronisiert. Dabei wird in Photoshop mit mehr als 50 Ebenen gearbeitet.


Mit Sandsäcken und Wasserschlauch hatte das Meaning Media-Team eine bildschöne Pfütze aufgestaut. Dass diese durch heftige Regenschauer zusätzlich aufgefüllt wurde, war nicht geplant. Und weil der Dauerregen auch das Einstellen der in Plastiktüten gehüllten Kameras erschwerte und die Objektivfrontlinsen immer wieder Regentropfen abbekamen, wurde die Session abgebrochen, nachdem auch das Licht nicht mehr mitspielte. /// Der nächste Tag brachte dann das erhoffte Traumwetter: trocken und mit Wolken am Himmel – wie gemalt. Es konnte losgehen!
Zeitdehnung auch in der Vorbereitung /// Nicht nur die Ansteuerung der Kameras muss perfekt synchronisiert werden, auch ihre Ausrichtung erfordert erheblichen Aufwand. /// Die Kameras werden zunächst mit Stativadaptern und Klemmen auf einem »Rig« fixiert. Diese runde Befestigungsbrücke deckt einen Drittelkreis, d.h. rund 120 Grad ab. Dann werden alle Kameras exakt gleich eingestellt. Um die dynamische Perspektive zu unterstützen, wird am EF-S-Objektiv die kürzeste Brennweite von 18 mm eingestellt, der Autofokus deaktiviert. Allein das Einrichten nimmt gut zwei Stunden Zeit in Anspruch. /// Bereits am Vortag waren alle Kameras auf voll manuellen Betrieb eingestellt worden: Auflösung, Empfindlichkeit, Blende und Verschlusszeit müssen natürlich exakt einheitlich sein. Weil die maximale Auflösung von 8 Megapixel für die Videoproduktion nicht benötigt wird, wählten die Meaning Media-Spezialisten die Auflösungsstufe M2, die rund 4 Millionen Bildpunkte liefert. /// Noch eine kleine Lektion »Matrix-Theorie«, bevor es losgeht: Die 48 Bilder haben zwei gemeinsame Bezugspunkte, einen zeitlichen, den Moment des Auslösens, und einen räumlichen. Damit der Effekt »funktioniert«, müssen alle Kameras exakt auf einen Punkt zentriert ausgerichtet werden. /// Dazu wird beim Shooting ein Lot aufgestellt, und zwar genau dort, wo der Smart später durch das Bild rasen soll. Dieses Lot ist der Dreh- und Angelpunkt für die Umsetzung des Effekts, weil er als räumlicher Bezugspunkt in der späteren Bildbearbeitung benutzt wird. /// Vor der eigentlichen Aufnahme schießt man deshalb zunächst eine »Kalibrierungsaufnahme«: Der Lotpunkt, auf den alle Kameras ausgerichtet und eingestellt worden sind, wird ohne Auto fotografiert. Damit existiert für jedes der späteren Sequenzbilder eine Referenzaufnahme.
48 entscheidende Momente /// Nach dem Verkabeln der Kameras kann es dann endlich losgehen. Axel Schulten – gelernter Fotograf – entpuppt sich wie schon am Vortag als talentierter »Stuntfahrer«. Seine Vorgabe ist es, die künstliche Pfütze mit einer Geschwindigkeit von ca. 30 Kilometern pro Stunde im richtigen Winkel anzupeilen, um das Wasser möglichst hoch aufspritzen zu lassen. Aufgabe Nummer 2 ist es dabei, den »Ring« unfallfrei wieder zu verlassen ... Beides sollte an diesem Tag gelingen. /// Die Verantwortung, den richtigen Moment zu erwischen, liegt in Gestalt eines elektronischen Auslösers in der Hand von Bernd Wiesen. Nach rund 30 Fahrten oder 1.500 Auslösungen ist der perfekte Schuss im Kasten. Jedes Motiv ist, mit einem 48-mal leicht verschobenen Bildkreisausschnitt, auf den 48 CF-Speicherkarten der EOS-20D-Armada gespeichert. /// Die Pylonen, die im Endergebnis durch das Bild fliegen, werden separat fotografiert. Die zusätzliche »Choreographie«, diese mit dem Auto aufzuwirbeln, hätte wohl nicht nur den zeitlichen Rahmen gesprengt. Einfacher schien es, die »Hütchen« anschließend in der Bildbearbeitung einzumontieren. /// Nach der zweiten insgesamt zehnstündigen Aufnahmesession kann das Team mit rund sechs Gigabyte Daten einpacken. Auch das ist eine Aufgabe, die mit 48 Kameras eine gewisse zeitliche Dehnung erfordert.
Aufwändige Nachbearbeitung /// Damit aus 48 Einzelbildern eine Zwei-Sekunden-Zeitscheibe entsteht, folgt eine enorm zeitintensive Nachbearbeitung der Bilder. Eine Woche lang »glühen« die Macs in der Kölner Meaning Media-Zentrale, bevor das Resultat fix und fertig zum Kunden überstellt werden kann. /// Zunächst wird der beste »Schuss« herausgefiltert: Wo spritzt das Wasser am schönsten, in welcher Aufnahme kommt die Dynamik des Fahrzeugs am besten? /// Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit. Besonders aufwändig ist das Feinjustieren des Bildausschnitts. Denn selbst minimale Abweichungen werden im Video als Sprünge und »Ruckler« sichtbar. So werden minimale Verstellungen des Brennweitenrings oder der Stativbefestigungen durch akribische Photoshop-Operationen »repariert«. /// Anschließend erfolgt die Ausrichtung mit Hilfe der »Lotsequenz«, sodass jedes Teilbild korrekt um den virtuellen Drehpunkt des Bildes angeordnet ist. Dieser Prozess erfordert – neben Zeit – eine Menge Spezialwissen aus den Tiefen der Bildbearbeitung. /// Schließlich wird die Sequenz mit den freigestellten Pylonen-Fotos in das Bild integriert. Und erst im letzten Schritt wird der Look der Bilder kreiert, der dem Motiv den letzten Kick gibt. Geschafft! /// Im September feiert der neue Smart ForFour auf der Frankfurter IAA Premiere. Zusammen mit einem Videoclip, dessen quirlige Dynamik an der entscheidenden Stelle um Sekunden gedehnt wird. Zum Genießen. Aus Sicht der Meaning Media-Kreativen eigentlich nicht lang genug. Aber vermutlich tüfteln die Kölner ohnehin bereits am nächsten Spezialauftrag.
Den Effektclip können Sie sich hier ansehen.

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