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Näher dran am Menschen Doch Lippoth kann auch leiser, in jüngster Zeit scheint er die Zwischentöne geradezu zu suchen: Während in seinen bühnenbildlichen Arrangements das Setting und die Kleidung einem Foto oft den entscheidenden Dreh geben, fokussiert er gerade in seinen freien Arbeiten verstärkt auf den Augenblick. Der Mann, der sonst nichts dem Zufall überlässt, der als Regisseur wie als Fotograf seine stilistisch an »One Shot Movies« grenzenden Fotos realisiert und oft mit einem Team von bis zu 30 Leuten (inklusive Eltern) am Set ist, lässt sich hier bewusst treiben und erlaubt sich einen kreativen »Kontrollverlust«. »Ich bin ein fotografisches Chamäleon«, sagt Lippoth, »ich probiere gern Neues aus, schließlich machen gerade die vielfältigen licht- und kameratechnischen Möglichkeiten das fotografische Medium so spannend.« Manches sei nur mit der Leichtigkeit und Spontaneität einer Kleinbild SLR-Kamera machbar, »weil man näher dran ist am Menschen«. So wie in dem Lowkey-Essay »A Night like this«, das eher beiläufig am Rande eines Modeshootings entstand. »Abends haben wir für die Kinder ein Lagerfeuer veranstaltet«, erinnert sich der Fotograf. »Das Licht des Feuers und das der Taschenlampen mischte sich auf fantastische Weise, ich habe einfach meine EOS-1Ds Mark II herausgeholt und losgelegt, ohne Blitz bei ISO 800.«
Erschreckend erwachsen Die Serie »Mother, Father, Sister, Brother« entstand ohne festgelegtes Konzept. Lippoth benutzte dabei ein Teleobjektiv und begleitete die Kinder in ihrem häuslichen Umfeld. Die Idee, sie durch Flaschen, Gardinen oder Pflanzen hindurch zu fotografieren, sei ganz spontan entstanden, so Lippoth. »Kind sein, das ist diese Ambivalenz zwischen dem In-den-Tag-hinein-Leben und dem Druck, immer schneller erwachsen werden zu müssen«, sagt der Fotograf fast wehmütig. »Früher haben wir Baumhäuser gebaut, doch heute sind die Kinder medial voll eingebunden, und die Kindheit scheint sich immer weiter in die ganz frühen Jahre zurückzuziehen.« Keine Frage: Achim Lippoth zeichnet ein Kinderbild, das uns befremdet. »Seine« Kinder sind zwar nicht »grown-up«, dazu sind ihre Körper noch zu klein. Erschreckend erwachsen sind sie aber dennoch. Seine Bilder wirken wie ein Gegengift für die Flut kinderfotografischer Kitschorgien konventioneller Prägung, ein Hohngelächter auf die Kindchenschema-verseuchten Teletubbies und Süßen Schnuffel, die uns das Privatfernsehen in die Augen träufelt. Lippoths zwischen Apokalypse und Melancholie oszillierender Blick auf die Kinderwelt ist zum Glück nicht der einzig mögliche. Aber indem er den Niedlichkeitsfaktor auf null herunterfährt, schafft er etwas, das nur wenigen Fotografen gelingt: Er öffnet das Terrain der Kinderfotografie nicht nur hin zum Werblichen, sondern bis ins Künstlerische und verschiebt damit die Grenzen der Gattung.
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