> Kinder, Kinder!
Achim Lippoth - Niedlichkeitsfaktor null
Conny Wenk - Natürlich anders

Achim Lippoth
Niedlichkeitsfaktor null


Achim Lippoth ist einer der gefragtesten Kinderfotografen weltweit. Mit der heilen Welt der Kinderfotografie klassischen Zuschnitts haben die Bilder allerdings wenig zu tun. In seinen Tableaus changieren die Kinderseelen zwischen Apokalypse und Melancholie.

Ein elegantes Kaffeehaus, man denkt an Wien: gedämpfte Töne, Wandmalereien, Stucktäfelungen, es riecht nach Jahrhundertwende, auch wenn die Kleidung auf die Jetztzeit verweist. Der Blick fällt zuerst auf die Erwachsenen, die, in ausgewählter Kleidung aufrecht und starr bei Kaffee und Kuchen sitzend, Konversation betreiben. Unwillkürlich zieht es das Auge weiter: Gelenkt durch ein subtiles Spotlicht, landet es auf einem tadellos gekleideten kleinen Jungen, der sein Gesicht in einem Sahnetorte versenkt hat; allein das Schwesterchen mit der schneeweißen Bluse und dem altmodischen Dutt scheint wahrzunehmen, dass etwas nicht stimmt. In vielerlei Hinsicht ein typischer »Lippoth«, dieses perfekt und mit großem Aufwand inszenierte Bild aus der Serie »Paris« von 2004: Die Kinder bewohnen ihr eigenes, uneinsehbares Paralleluniversum, sie kopieren unsere Konventionen, spielen das Spiel der Erwachsenen, aber zu ihren Bedingungen. Ihre Gesten sagen: Wir tun das, was ihr von uns erwartet, aber ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!

Widersprüche der kindlichen WeltAchim Lippoth, seit Jahren international einer der gefragtesten Mode- und Werbefotografen mit überwiegend »kindlichen« Motiven, zeigt in seinen freien Bildstrecken die Widersprüche, die den Kindern auf dem schmerzvollen Weg zum Erwachsenwerden begegnen: Unschuld, Disziplin, Widerständigkeit, Konformität, Konsumismus, Wut, Weltschmerz. So greift die Serie »Together« von 2004 die gleichgeschaltete Akrobatik realsozialistischer Jugendsportveranstaltungen auf und projiziert sie in den ästhetischen Raum der heutigen Werbewelt. Im Zyklus »No-Fashion« inszeniert Lippoth die kindlichen Mitglieder eines Trachtenvereins als traditionsstramme, klein geratene Erwachsene. Bar jeder Konvention zeigt Lippoth mit »Wölflingen« – einer in Anmutung und Inhalt besonders düster wirkenden Serie – seine kleinen Modelle als eigenständige und entschlossene Protagonisten eines Endzeitszenarios. »Rage Attack« von 2005 zeigt Kinder mit wutverzerrten Gesichtern, die ihren Puppen den Kopf scheren, Fernsehmattscheiben mit Spielzeug-Kampfmaschinen zertrümmern oder die Wohnung mit selbst gebastelten Flammenwerfern abfackeln. Die Bilderreihe »Class of 1954« ist durch den Film »Das Wunder von Bern« inspiriert. Hier zeigt der international erfolgreiche und weltweit gebuchte Fotograf seine ironische Seite. Er bricht den militärischen Schuldrill der Nachkriegszeit mit überinszenierten Posen und einer bildtechnischen Qualität, die sich ganz offensichtlich der Bildbearbeitungstechniken des neuen Jahrtausends bedient. Trotz des augenzwinkernden Untertons: Zum Lachen ist dem Betrachter nicht zumute, denn er sieht durch die Bilder hindurch auf die Ambivalenz der eigenen Kindheit.

Näher dran am MenschenDoch Lippoth kann auch leiser, in jüngster Zeit scheint er die Zwischentöne geradezu zu suchen: Während in seinen bühnenbildlichen Arrangements das Setting und die Kleidung einem Foto oft den entscheidenden Dreh geben, fokussiert er gerade in seinen freien Arbeiten verstärkt auf den Augenblick. Der Mann, der sonst nichts dem Zufall überlässt, der als Regisseur wie als Fotograf seine stilistisch an »One Shot Movies« grenzenden Fotos realisiert und oft mit einem Team von bis zu 30 Leuten (inklusive Eltern) am Set ist, lässt sich hier bewusst treiben und erlaubt sich einen kreativen »Kontrollverlust«. »Ich bin ein fotografisches Chamäleon«, sagt Lippoth, »ich probiere gern Neues aus, schließlich machen gerade die vielfältigen licht- und kameratechnischen Möglichkeiten das fotografische Medium so spannend.« Manches sei nur mit der Leichtigkeit und Spontaneität einer Kleinbild SLR-Kamera machbar, »weil man näher dran ist am Menschen«. So wie in dem Lowkey-Essay »A Night like this«, das eher beiläufig am Rande eines Modeshootings entstand. »Abends haben wir für die Kinder ein Lagerfeuer veranstaltet«, erinnert sich der Fotograf. »Das Licht des Feuers und das der Taschenlampen mischte sich auf fantastische Weise, ich habe einfach meine EOS-1Ds Mark II herausgeholt und losgelegt, ohne Blitz bei ISO 800.«

Erschreckend erwachsenDie Serie »Mother, Father, Sister, Brother« entstand ohne festgelegtes Konzept. Lippoth benutzte dabei ein Teleobjektiv und begleitete die Kinder in ihrem häuslichen Umfeld. Die Idee, sie durch Flaschen, Gardinen oder Pflanzen hindurch zu fotografieren, sei ganz spontan entstanden, so Lippoth. »Kind sein, das ist diese Ambivalenz zwischen dem In-den-Tag-hinein-Leben und dem Druck, immer schneller erwachsen werden zu müssen«, sagt der Fotograf fast wehmütig. »Früher haben wir Baumhäuser gebaut, doch heute sind die Kinder medial voll eingebunden, und die Kindheit scheint sich immer weiter in die ganz frühen Jahre zurückzuziehen.« Keine Frage: Achim Lippoth zeichnet ein Kinderbild, das uns befremdet. »Seine« Kinder sind zwar nicht »grown-up«, dazu sind ihre Körper noch zu klein. Erschreckend erwachsen sind sie aber dennoch. Seine Bilder wirken wie ein Gegengift für die Flut kinderfotografischer Kitschorgien konventioneller Prägung, ein Hohngelächter auf die Kindchenschema-verseuchten Teletubbies und Süßen Schnuffel, die uns das Privatfernsehen in die Augen träufelt. Lippoths zwischen Apokalypse und Melancholie oszillierender Blick auf die Kinderwelt ist – zum Glück – nicht der einzig mögliche. Aber indem er den Niedlichkeitsfaktor auf null herunterfährt, schafft er etwas, das nur wenigen Fotografen gelingt: Er öffnet das Terrain der Kinderfotografie nicht nur hin zum Werblichen, sondern bis ins Künstlerische und verschiebt damit die Grenzen der Gattung.




ACHIM LIPPOTH
arbeitet seit 1992 als freier People-Fotograf mit Schwerpunkt Kids für Industriekunden wie z.B. Audi, DaimlerChrysler, IBM, Nestlé oder Nokia und international renommierte Zeitschriften (New York Times Magazine, Life, Wallpaper Magazine, SZ Magazin, Vogue, Stern). 1995 launchte er mit »kid’s wear« seine eigene Zeitschrift. Der Form nach ein Magazin für Kindermode, hat sich die mehrfach u.a. vom Art Directors Club und der LeadAcademy ausgezeichnete Publikation inzwischen zur »Bibel des internationalen Hipstertums« (F.A.S.) entwickelt, an der so bekannte Fotokünstler wie Anton Corbijn, Nan Goldin, Martin Parr, Oliver Toscani oder Bruce Webber mitarbeiten. Der Kölner Fotograf, Jahrgang 1968, der sich das Fotografieren während seines Kunststudiums autodidaktisch aneignete, nennt seine Art des Fotografierens eine »Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz«.
www.lippoth.com
KAMERAS
Canon EOS-1Ds Mark III
Canon EOS-1Ds Mark II
OBJEKTIVE
EF 24–70mm 1:2,8L USM
EF 70–200mm 1:2,8L IS USM

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