> Kinder, Kinder!
Achim Lippoth - Niedlichkeitsfaktor null
Conny Wenk - Natürlich anders

Conny Wenk
Natürlich anders


Die fotografische Newcomerin Conny Wenk schafft in ihren Kinderbildern den Spagat zwischen Leichtigkeit und Substanz. Und damit »Lifestyle«-Fotografie im besten Sinne des Wortes: Bilder, die direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen.

Ein Ballettröckchen liegt auf einer Wiese, weiß und aufgeplustert, zwei Kinderbeine ragen aus der fedrigen Tüllkugel wie Schwanenhälse, die nackten Fußsöhlchen zeigen in Richtung Betrachter – mehr ist von dem Kind nicht zu sehen: ein Bild für die Götter. Aber auch eins für alle diejenigen, die das Leben nicht so bierernst nehmen und die dem Leistungsdruck, der zunehmend auch auf den Kindern lastet, auch mal den Stinkefuß zeigen. Als sich das Kind anschickte umzufallen, hatte Conny Wenk die Kamera bereits vor dem Auge; als es umfiel, drückte sie ab. Vorgefertigte Konzepte, sagt sie, kann man vergessen. »Man muss den Kindern hinterherrennen, vorausahnen, was sie im nächsten Augenblick machen, immer schussbereit sein: Es ist eine Jagd.«

Shoot positive!Conny Wenk hat Betriebswirtschaft studiert, sie war Personalleiterin in einer großen Firma, vor sechs Jahren kam ihre Tochter Juliana zur Welt. Trisomie 21, lautete die Diagnose, Down-Syndrom – für Conny Wenk brach eine Welt zusammen. Auch weil sie die üblichen Bilder von geistig behinderten Kindern im Kopf hatte: Topfhaarschnitt, schlammfarbene Kleidungsstücke, Pudelmützen. Das Schlimmste sei die Unwissenheit gewesen, sagt sie rückblickend: »Ich habe mich auf die Suche nach neuen, positiven Bildern gemacht, die meine alten Klischeebilder ersetzen sollten. »Eine Studienfreundin war begeistert von den Fotos, die ich im Urlaub von meiner Tochter, meinem Mann und mir gemacht hatte. Das war der Startschuss.« Wenk, die immer schon gern fotografiert hatte, begann ihr Hobby zu professionalisieren, kaufte sich erst eine Canon EOS 20D, dann die EOS 5D mit Vollformatsensor. Sie hat klein angefangen, bei Kaffeekränzchen und Spielnachmittagen, und eines Tages schoss sie ihre erste Bilderserie über Kinder mit Down-Syndrom und ihre Mütter, aus dem schließlich ein Buch entstand. »Du hast das Auge, hat mir ein Freund und fotografischer Mentor gesagt«, erzählt sie. »Jetzt musst du was an deiner Technik tun.« Wenk ging in die Vollen, beschäftigte sich mit fotografischen Trends, Bildbearbeitung, Kameratechnik. »Mit der 5D war das Arbeiten von Anfang an leicht, das Handling ist super, die Kamera lässt sich nach kurzer Eingewöhnung wie im Schlaf beherrschen.«

Ausschließlich Available Light»Die Inspiration kommt eigentlich immer von den Kindern selbst«, sagt die Mutter zweier Kinder, die ihr fotografisches Hobby erst vor zwei Jahren zum Beruf gemacht hat. Die 41-Jährige fotografiert ausschließlich mit verfügbarem Licht. Ihr Canon Speedlite 580EX II Blitzgerät hat sie nur für extreme Lichtverhältnisse bei Hochzeits-Shootings angeschafft, aber noch nie genutzt. Der konsequente Verzicht auf den Blitz sei ohne das sehr gute Rauschverhalten der EOS 5D nicht denkbar. »Eine Serie drinnen ist sogar bei einer Empfindlichkeit von ISO 3200 entstanden, weil es draußen zu kalt und das Kind erkältet war«, sagt Wenk. »Ich mag einfach keine Blitzaufnahmen, ohne Blitz sind die Bilder dreidimensionaler – im Zweifel verschiebe ich ein Kinder-Shooting lieber.« Dennoch, ohne das Auge sei die beste Technik nichts, sagt Wenk. Nur um dann im nächsten Satz zu gestehen, dass sie natürlich mit der neuen EOS 5D Mark II liebäugelt, schon wegen der hohen Auflösung, die ihr bei ihren großformatigen Aufträgen wie beispielsweise Citylights-Plakaten oder Großformatbannern eine noch bessere Qualität bieten würden. Und dass sie selbstverständlich in den Fotoladen läuft wie ein Kind in einen Spielzeugladen und sich umschaut nach neuen Objektiven und Zubehör.

Geheimnis des SchauensWas ist ihr Geheimnis, wie schafft sie es, dass ihre Bilder anrühren, ohne ins Kitschige oder Klischeehafte abzugleiten? »Es gibt keins«, antwortet sie. »Ich bin einfach da, wo etwas passiert, und dann halte ich drauf.« Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Mag sein, dass die meisten ihrer Kinderbilder vom Entstehungszusammenhang her »Schnappschüsse« sind. Mag sein, dass sie ganz überwiegend intuitiv vorgeht. Aber das tut der große Rest der nichtprofessionell fotografierenden Menschheit auch – und genau so sehen viele Bilder leider auch aus. Conny Wenks Bilder aber funktionieren auf der emotionalen Ebene ebenso gut wie auf der ästhetischen. Besonders deutlich wird diese doppelte Qualität bei den Bildern, die sie von ihrer Tochter Juliana schießt und auf ihrem Blog präsentiert. »Manche meiner Kunden sagen, dass ich mit meiner Kamera in die Seele gucken kann. Wenn das stimmt, dann hat es mich Juliana gelehrt.« »Das Wichtigste ist, dass die Chemie stimmt«, sagt Conny Wenk. »Die Kinder müssen sich wohlfühlen, was gar nicht so schwer ist, wenn sie in ihrer vertrauten Umgebung sind, im Mittelpunkt stehen und Sachen tun dürfen, die normalerweise tabu sind, wie im Matsch spielen oder barfuß laufen. Wenn ich dann noch frage:"Wer hat hier die größten Stinkefüße?", kriegen die sich gar nicht mehr ein; dann ergeben sich die Motive ganz von selbst.«

Diesseits der NiedlichkeitDie meisten Bilder sind farbgesättigt, einige gar bonbonbunt wie aus Modemagazinen, andere haben einen mentholartigen Touch. »Die satten Farben der Canon sind einfach fantastisch. Früher habe ich das RAW-Format genutzt, inzwischen schieße ich direkt in JPEG«, sagt die Selfmade-Fotografin, die alle Bilder nachbearbeitet, schon um die vielfach im Gegenlicht entstandenen Aufnahmen in den Gesichtspartien aufzuhellen. Und sie arbeitet geradezu radikal mit selektiver Schärfe: Je offener die Blende, desto besser. »Bei Blende 1,4 haut man schnell mal daneben«, gesteht die Autodidaktin aus Stuttgart. »Aber man muss was riskieren, und im digitalen Zeitalter ist das ja nun wirklich einfacher als früher.« Bei aller Leichtigkeit sind ihre Bilder voller Substanz. Sie machen neugierig auf die Geschichte hinter den Gesichtern und Bewegungen. Manche Menschen finden über die Fotografie zum Leben, andere, wie Conny Wenk, finden über das Leben zur Fotografie. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.




CONNY WENK
Jahrgang 1967, ist freie Fotografin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Juliana und Nicolas in Stuttgart. Die studierte Betriebswirtin war nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA zuletzt Personalleiterin eines Medienunternehmens. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins 46PLUS – Down-Syndrom Stuttgart e.V., für den sie 2007 unter anderem einen Kalender mit Porträts von Kindern mit Down-Syndrom und prominenten Persönlichkeiten fotografiert hat. Der Schwerpunkt der fotografischen Autodidaktin liegt auf den Bereichen Hochzeiten und Engagement, Business, Commercial und Kinderporträts. »Am liebsten«, so schreibt sie auf ihrer Website, »fotografiere ich Kinder. Ganz egal, wie alt sie sind oder wieviel Chromosome sie haben.«
www.connywenk.com

Bücher
2004 »Außergewöhnlich«
2007 »Schmetterlingszauber« 2008 »Außergewöhnlich:
Väterglück«

KAMERAS
Canon EOS 5D
Canon EOS 20D
OBJEKTIVE
EF 24–70mm 1:2,8L USM
EF 50mm 1:1,4 USM
EF 85mm 1:1,8 USM
EF 100mm 1:2,8 Macro USM
EF 135mm 1:2L USM
EF-S 10–22mm 1:3,5–4,5 USM
ZUBEHÖR
Speedlite 580EX
Kabelfernbedienung/
Timer TC-80N3

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